
Trotz geopolitischer Spannungen und einer Weltwirtschaft in Unruhe sieht Goldman Sachs Deutschland-Chef Wolfgang Fink Wachstumschancen für die europäische Wirtschaft. Allerdings müssten zahlreiche Probleme angegangen und durch industriepolitische Maßnahmen unterstützt werden, erklärte der Investmentbanker bei seinem Besuch in Bielefeld. Auf Einladung von IHC Präsident Eduard R. Dörrenberg sprach Fink als Gastredner auf einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung im Dr. Wolff Institut, zu der zahlreiche Mitglieder und Gäste gekommen waren.
In seiner Analyse der aktuellen Lage wies der promovierte Ökonom neben dem kriegsbedingten Energiepreis-Schock vor allem auf den Wettbewerbsdruck durch „China 2.0“ hin. „Die deutsche Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen im globalen Wettbewerb, insbesondere durch die aufstrebende Konkurrenz aus China“, so Fink. Durch Qualitätsverbesserung konkurrierten mittlerweile viele chinesische Produkte mit denen deutscher Anbieter, kosteten aber deutlich weniger. Das führe dazu, dass deutsche Produkte in China mit geringeren Margen verkauft werden müssten und auch in ihren angestammten Märkten innerhalb der EU unter Druck gerieten.
Als Ursachen benannte Fink unter anderem hohe Arbeits- und Sozialkosten, Bürokratie, demografischen Wandel, Abhängigkeiten von außereuropäischen Rohstoffen und Schlüsseltechnologien und die hierzulande zu langsame KI-Adaption. Dabei könne Europa durchaus wirtschaftliche Resilienz in einer neuen geoökonomischen Ordnung zeigen, wenn es sich auf seine Stärken wie Innovation und Diversifizierung besinne. Für den deutschen Mittelstand ortet er dank dessen Anpassungsfähigkeit Möglichkeiten, in Wachstumsmärkte wie ‚Industrial AI‘ oder die Rüstungsindustrie zu diversifizieren.
Gerade in Zeiten von Handelskonflikten und geopolitischen Spannungen sieht Fink die Chancen vor allem im Handel innerhalb Europas: „Der EU-Binnenmarkt steckt voller Potenzial“. Dieses werde auch von außer-europäischen Investoren erkannt. Infrastruktur und Rüstung stünden dabei im Fokus des Anlegerinteresses. Um wirtschaftliches Wachstum zu generieren, müssten aber innerhalb der EU verbliebene Handelshemmnisse beseitigt, Bürokratie abgebaut, Energiepreise reduziert und die Arbeitskräftemobilität gefördert werden. Wenn es gelänge, diese Voraussetzungen zu schaffen, könne Europa seine wirtschaftliche Stärke im globalen Wettbewerb nachhaltig ausbauen. „Europäische Technologie und Innovation sind nicht zu unterschätzen“, so Fink abschließend.