Christiane Benner, Erste Vorsitzende IG Metall, zu Gast beim IHC (v. l. IHC Ehrenpräsident Dr. Reinhard Zinkann, IHC Geschäftsführerin Cornelia Moss, Christiane Benner, Gastgeber des Abends Stefan Bethlehem)
Die Erste Vorsitzende der IG Metall trifft führende Unternehmerinnen und Unternehmern aus Ostwestfalen-Lippe: Der Anlass war allerdings kein Tarifstreit, sondern eine Einladung zu einer IHC Vortrags- und Diskussionsveranstaltung. Unter dem Titel „Mit Mut und Zuversicht aus der Krise“ – wie wir Arbeitsplätze sichern und unsere Wirtschaft wieder in Schwung bringen“ schilderte Christiane Benner ihre Sicht auf die wirtschaftliche Lage Deutschland. Die Soziologin steht seit 2023 als erste Frau an der Spitze der mit zwei Millionen Mitgliedern größten Einzelgewerkschaft Deutschlands.
Statt Kampfparolen waren differenzierte und versöhnliche Töne beim Besuch Benners zu hören. „Einen Ausweg aus der Krise finden Arbeitgeber, Politik und Beschäftigte nur gemeinsam. Dafür braucht es gegenseitiges Vertrauen und den Willen, notwendige Veränderungen anzugehen“, stellte die IG Metall-Chefin gleich zu Beginn fest. Damit befand sie sich auch auf einer Linie mit IHC Ehrenpräsident Dr. Reinhard Zinkann. In seiner Einführung hatte dieser auf Grundlage der Dauerkrisen und düsteren Wirtschaftsprognosen, „mehr Dialog und Konsens“ von den Sozialpartnern angemahnt.
Um eine weitere Spaltung der Gesellschaft durch Wohlstandsverlust zu verhindern, forderte Benner von der Politik vor allem eine konsequentere Industriepolitik. Seit Langem plädiere die Gewerkschaft für den besseren Schutz europäischer Arbeitsplätze. Als Negativ-Beispiel führte sie einen großen chinesischen Autohersteller an, der in Ungarn mit chinesischen Komponenten und Arbeitern Autos baue, ohne Wertschöpfung vor Ort zu generieren. „Da läuft etwas schief“, findet Benner. Gegen US-amerikanischen Protektionismus und die gelenkte und subventionierte chinesische Industriepolitik müsse Europa mehr entgegensetzen.
Eine wichtige Rolle bei der Sicherung deutscher Arbeitsplätze spielten auch die Energiekosten. „Energiepolitik ist Sicherheitspolitik“, unterstrich die Erste Vorsitzende gleich mehrfach. Eine bezahlbare Energieversorgung sei direkt mit dem Erhalt von Industriearbeitsplätzen und der Stabilität des Standorts Deutschland verbunden. Angesichts hoher Energiepreise, Transformationsrisiken und geopolitischer Unsicherheiten fordert die Gewerkschaft eine aktive Rolle des Staates, um sowohl die Versorgungssicherheit als auch die soziale Sicherheit der Beschäftigten zu gewährleisten.
Wichtig war Benner zu betonen, dass sich die IG Metall nicht vor Reformen verschließe. „Wir brauchen Mut im Wandel statt immer mehr Verunsicherung“. So hemmten „an den Haaren herbeigezogene“ Debatten wie um die Freizeitgesellschaft und die 4-Tage-Woche, die Suche nach den wahren Problemursachen. Denn das Gegenteil sei zurzeit der Fall: Viele Betriebe müssten aufgrund zu weniger Aufträge die Arbeitszeiten reduzieren, so Benner. Zudem würden bereits heute Tarifverträge auch flexible Arbeitszeiten erlauben. Mit „Zukunftstarifverträgen“ in der Metall- und Elektroindustrie leisteten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, zum Beispiel durch Verzicht auf Entgeltbestandteile, ihren Beitrag zur Sicherung der Arbeitsplätze.
In der anschließenden Diskussion ermunterte Benner die Unternehmerinnen und Unternehmer in Krisenzeiten rechtzeitig im Gespräch mit den Gewerkschaften nach Lösungen zu suchen. Abschließend zeigte sich die IG Metall-Vorsitzende trotz Krisen und Problemen überzeugt, dass Deutschland ein guter Wirtschaftsstandort sei und bleibe. Diese Meinung teilte auch Dr. Reinhard Zinkann, der der Referentin hoch anrechnete, sich „in die Höhle der Löwen gewagt zu haben“. Im Anschluss an die Veranstaltung lud die gastgebende KPMG noch zu einem Imbiss ein. An Diskussionsstoff mangelte es an diesem Abend sicher nicht.